Aktie im Fokus: "Alphabet"

Aktie im Fokus

Alphabet Inc (Google)

von Marc André Buczek

16. Mai 2024

Alphabet Inc., der Mutterkonzern von Google, ist eines der wertvollsten Unternehmen der Welt und prägt unseren Alltag wie kaum ein anderes.  Mit einem breiten Spektrum an Produkten und Dienstleistungen, von der Suchmaschine Google, Navigation über Maps, die Videoplattform YouTube, der Google Cloud bis hin zur künstlichen Intelligenz, ist Alphabet in zahlreichen Wachstumsfeldern aktiv.

Google ist die dominierende Suchmaschine im Internet mit einem Marktanteil von über 90%. Der Erfolg basiert auf dem leistungsstarken Suchalgorithmus und der großen Menge an Daten, die Google über seine Nutzer gesammelt hat. Dabei verdient Alphabet den größten Teil seines Geldes mit Online-Werbung. Google Ads ist die führende Plattform für Online-Werbung, mit der Unternehmen ihre Produkte und Dienstleistungen potenziellen Kunden präsentieren können. Alleine in diesen Geschäftsbereichen erzielte Alphabet im vergangenen Quartal ~75 % des Umsatzes sowie einen Großteil seines Quartalsgewinns.

Mit der Google Cloud bietet Alphabet zudem Unternehmen eine breite Palette an Cloud-Diensten, darunter Rechenleistung, Speicherplatz und Software, an. Im Cloud-Business ist Alphabet mit der Google Cloud zwar nur die drittgrößte Plattform nach Amazon Web Services (AWS) und Microsoft Azure, doch gewinnt diese stetig an Marktanteilen und sorgt für ein ordentliches Gewinn- und Umsatzwachstum. So lässt sich den jüngst veröffentlichten Quartalszahlen entnehmen, dass das Cloud-Geschäft Year-over-Year (YoY) fast 30 % wuchs, wobei der Gewinn des Geschäftsbereiches zeitgleich um fast 370 % stieg. Dieser Bereich ist von besonderen Interesse, da alleine für den europäischen Markt eine Umsatzentwicklung aller Anbieter von ~130 Mrd. Euro in 2023 auf ~220 Mrd. Euro in 2028 erwartet wird.

Dazu umfassen die Alphabet Geschäftsfelder noch diverse weitere spannende Themenfelder, wie das KI-StartUp DeepMind, autonomes Fahren mit Waymo und Risikokapitalinvestitionen über Google Ventures.

Auch die letzten Quartalszahlen überzeugten die zuletzt im Technologie-Sektor immer kritischer werdene Anlegergemeinde. So stieg der Umsatz um 15 % (YoY), bei einem zeitgleichen Gewinnwachstum von über 60 % (YoY), was zudem für einen starken operativen Hebel spricht. Zeitgleich kündigte der Konzern sowohl erstmals eine Dividende, als auch ein Aktienrückkaufprogramm im Umfang von über 70 Mrd. USD an. Dies wurde mit einem Kursanstieg von zuletzt über 10 % honoriert.

Wir sind mit unseren Fonds in Alphabet langfristig investiert und haben durchschnittliche Buchgewinne im Pro Strategy Fund von ~145 % sowie im Universal-Fonds von ~ 1120 % seit Erstinvestition erzielt (siehe Grafik).

Alphabet überzeugt mit seiner Ökosystem-Strategie und baut sich damit einen zunehmenden Burggraben auf, da es ein miteinander verbundenes Netz von Produkten und Dienstleistungen schafft, das für Nutzer und Wettbewerber gleichermaßen attraktiv ist. Die erfolgreiche Story spiegelt sich auch in der langfristigen Kursentwicklung wider. Die Fundamentaldaten, die Wachstumsprognosen sowie das langfristige Chartbild zeichnen ein gutes Gesamtbild des Unternehmens.

Fazit: Wir sind überzeugt vom langfristigen Wachstumspfad von Alphabet. Diese Überzeugung spiegelt sich nicht zuletzt auch in der Gewichtung der Aktie in unseren Portfolien wider (größte Position im Pro Strategy Fund – zweitgrößte im R+P Universal-Fonds). Wir bleiben folglich investiert, werden aber bei weiteren Kurssteigerungen aufgrund gesetzlicher Anforderungen an die Diversifikation teilweise Zwangsverkäufe vornehmen müssen.

Disclaimer

Die in diesem Beitrag enthaltenden Angaben dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Die dargestellte Wertentwicklung und Kennzahlen lassen keine Rückschlüsse auf eine ähnliche Entwicklung in der Zukunft zu. Künftige Erträge können höher oder niedriger ausfallen als bisher. Weitere Informationen hierzu finden Sie hier.


MARC ANDRÉ BUCZEK

Vermögensverwalter

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Jomo in der Kapitalanalage

Kann es gut sein, etwas zu verpassen?

Mal bewusst auszusetzen, nicht dabei zu sein? Jomo in der Kapitalanalge

von Dörthe Mehlhorn

11. Januar 2024

JOMO (Joy Of Missing Out) beschreibt genau das: die Freude, etwas zu verpassen. Sie ist die Gegenbewegung zur Social-Media-Begleiterscheinung FOMO (Fear Of Missing Out), der Angst, etwas zu verpassen. Beide Phänomene basieren auf der ständigen Verfügbarkeit der Online-Welt und den permanenten Vergleichsmöglichkeiten aufgrund von bearbeiteten Fotos und Hochglanz-Storys auf Social Media.

„Fomo“ ist in den sozialen Netzwerken längst ein geläufiger Begriff und beschreibt die Angst, einen Post, ein Like, oder ein Event auszulassen. Der Druck, ständig online überall dabei zu sein und das eigene Leben mit den glamourösen „Realitäten“ anderer zu vergleichen, stresst viele Menschen und macht unglücklich.
„Jomo“ ist die Gegenbewegung dazu, die zu mehr Ruhe und Zeit mit sich selbst aufruft. Wer das Smartphone auch mal weglegt, kann viel Freude daran finden, den digitalen Raum hinter sich zu lassen und zur Ruhe zu kommen – und dem echten Leben und eigenen Prioritäten wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Und was hat das mit Kapitalanlage zu tun?

Anleger und auch Vermögensverwalter wünschen ihn sich manchmal: den „lucky pick“, DIE Aktie, die hunderte oder gar tausend Prozent nach oben schnellt, the next big thing. Den Titel, den Trend, bei dem unbedingt dabei sein muss.
Doch auch hier zeigt die Erfahrung: den einen oder anderen Hype auszulassen, kann mehr Freude für’s Depot bringen!

Delivery Hero, Peloton, Spotify, Beyond Meat, Plug Power … die Liste der abgestraften „Trendsetter“ lässt sich beliebig fortführen. Auch wenn hier sicher gute und wünschenswerte Trends (Gesundheit, Tierwohl, Umwelt) dabei sind, die reine Kursphantasie sollte nie der alleinige Grund für die Aktienauswahl sein. Gesunde Unternehmenskennzahlen, nachvollziehbare Geschäftsmodelle und eine solide Positionierung im Markt – Stichwort Burggraben – gehören ebenso dazu.

Vielleicht verpasst man dann eben auch mal einen neuen Börsenstar, aber die langfristige Aufstellung des Portfolios stimmt: stabil, werthaltig, nachhaltig performancestark.

In unseren Ringelstein & Partner Vermögensbetreuung Investmentstrategien gehört dies zur Grundüberzeugung. Und wie sieht das bei Euch aus? Genießt Ihr auch gelegentlich the Joy of Missing out?


DÖRTHE MEHLHORN

Vermögensverwalterin

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Reale Renditen auf Tagesgeld

Deshalb bevorzugen wir Anleihen!

Trotz positiver Realrenditen im Tagesgeld
von Marc André Buczek

19. Oktober 2023

Tagesgeldangebote mit einem Zins um vier Prozent sind heute keine Seltenheit mehr. Dabei kritisieren viele die dennoch vorhandene negative Realrendite, also die Rendite nach Abzug der Inflation (4 % Tagesgeldzins – Inflation YoY 4,5%).

Zweifelhaft ist bei dieser Betrachtung die Retrospektive. So wird die Teuerungsrate des letzten Jahres, mit dem heute erzielbaren Renditen verglichen. Sinnvoller wäre es, die Realrendite mit der Inflationserwartung zu berechnen. Und diese liegt für 2024 bei 2,6 % bzw. für 2025 bei 1,9 %. Somit wäre, wenn auch unter einem Unsicherheitsfaktor, mit einer Anlage im Tagesgeld wieder eine reale Rendite erzielbar.

Problematisch ist dabei jedoch, dass zum einem viele Tagesgeldangebote nur für einen befristeten Zeitraum und nur für Neukunden gelten und zum anderen Tagesgeldzinssätze sehr sensibel auf Änderungen des Leitzinses reagieren. Sinken diese, so dürften kurzfristig auch die Einlagenzinssätze wieder fallen. Insbesondere auf Grund der abnehmenden Inflationserwartung und zunehmenden Eintrübung der wirtschaftlichen Lage ist dieses Szenario nicht auszuschließen. Zudem sind positive Realrenditen nur bei wenigen Banken überhaupt möglich. So lag der durchschnittliche Zinssatz aller deutschen Banken zuletzt bei nur 1,68 % p.a..

Anleihen mögen zwar Schwankungen aufweisen, bieten jedoch den Vorteil, man sich beim Ankauf eine Rendite über die gesamte Laufzeit sichert. Diese ist auch im Bereich des Investment-Grades und bei kurzen bis mittleren Laufzeiten auf dem Niveau, beziehungsweise über, des Tagesgelds und damit real positiv.

Klar, auch ein Festgeld würde einen ähnlichen Effekt bieten und gleichzeitig Kursschwankungen egalisieren, jedoch gleichzeitig die Flexibilität wesentlich einschränken. Zudem stellt insbesondere bei größeren Vermögen die begrenzte Einlagensicherung ein weiteres Risiko dar.

Fazit:

Die neue Zinswelt ist ein warmer Regen für den Sparer und ermöglicht vermutlich auch real positive Renditen. Tagesgelder, insbesondere solche Lockangebote, sollten jedoch bevorzugt für den Notgroschen sowie kurzfristig benötigte Gelder verwendet werden. Für eine mittel- bis langfristige Vermögensallokation sollten jedoch andere Instrumente mit betrachtet werden. Neben Anleihen gehören hierzu letztendlich auch Aktien, Immobilien und Rohstoffe wie Gold. Welche Vermögensallokation zu Ihnen passt, finden wir in der Ringelstein & Partner Vermögensbetreuung gerne mit Ihnen gemeinsam heraus.


MARC ANDRÉ BUCZEK

Vermögensverwalter

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Schutz für Familie & Vermögen

7 Praxiserfahrungen und Handlungsempfehlungen

zum Schutz von Familie und Vermögen
von Thorsten Klinkner

21. September 2023

Was in anderen Ländern als „estate planning“ oder „Strukturen aufbauen“ positiv positioniert ist, wird in Deutschland eher mit dem Gedanken an „Ruhestand“ oder mit „abgeben, aufhören, loslassen“ verbunden. Diese mental sehr eng mit Alter und Tod verknüpfte Vorstellung führt oft dazu, dass gerade aktive und gestaltende Persönlichkeiten die Auseinandersetzung mit dem eigenen Testament immer wieder aufschieben. Dabei geht es in der Nachfolgeplanung um viel mehr als nur die Regelungen für den Todesfall.
Wann ist also der richtige Zeitpunkt? Welche Konfliktquellen und Handlungsempfehlungen gibt es? Lesen Sie dazu den Gastbeitrag von Rechtsanwalt und Steuerberater Thorsten Klinkner.

1. Einleitung

„Warten auf den richtigen Moment“– so könnte man die Nachfolge- und Nachlassplanung bezeichnen. Was in anderen Ländern als „estate planning“, „wealth management“ oder „Strukturen aufbauen“ positioniert ist, wird in Deutschland eher mit „Ruhestand“ oder mit „aufhören und loslassen“ verbunden. Diese mental sehr eng mit Tod und Alter verknüpfte Vorstellung führt eher dazu, dass dies zur Schreckensvorstellung für aktive und gestaltende Persönlichkeiten wird. Dem weltberühmten österreichischen Neurologen und Psychologen Viktor E. Frankl (1905 – 1997) folgend, ist es ein zentraler Aspekt menschlichen Lebenssinns, etwas aktiv zu tun und dabei etwas zu gestalten und zu bewirken. Diesen Lebenssinn durch aktive Tätigkeit kann man nach meiner Beratungserfahrung hervorragend mit einer „Vermögensnachfolgeplanung“ verbinden. Ich empfehle, das Thema als Aspekt aus dem Risikomanagement zu betrachten. Oder um es mit den Worten aus Erich Kästners Neujahrsspruch zu sagen: „Leben ist immer lebensgefährlich“. Es gibt keinen „richtigen Zeitpunkt“ für diese Themen. Es geht vielmehr darum, sich auf das „Plötzliche und Unerwartete“ vorzubereiten – es kann jeden treffen, jederzeit. Unabhängig von Vermögen und Prominenz. Wenn einmal durchdacht wurde, was für den „worst case“ geregelt sein soll und dann die entsprechenden Regelungen umgesetzt sind, schwinden die damit verbundenen Sorgen. Man hat alles Erforderliche getan! Das getan, was man tun konnte. Und das ist in jedem Alter sinnvoll. Es passiert sonst nichts! Man kann weiter aktiv sein und muss nicht in den „Ruhestand“

2. Der richtige Zeitpunkt

Wann ist nun der richtige Zeitpunkt? Gerade in jungen Jahren ist Nachfolgeplanung als Risikomanagement sehr sinnvoll. Man ist viel unterwegs und oft risikobereiter, die Familie ist in der Gründungsphase oder die Kinder noch klein und auf die Eltern angewiesen. In der Regel ist das Vermögen noch im Aufbau, es gibt noch keine eigene Immobilie und keine hohen Summen in der Risikolebensversicherung. Für viele überraschend besteht in dieser Phase des Lebens unbedingt Regelungsbedarf – vielleicht nicht in erster Linie in der Erbschaftssteuer, dafür bei Vollmachten oder im Sorgerecht.

Das bedeutet auch, dass dieses Durchdenken und Regeln kein einmaliger Akt „im hohen Alter“ ist, sondern immer wieder in unterschiedlichen Lebensphasen passieren muss. Und im Idealfall die Dokumente entsprechend geprüft und angepasst werden sollten. Es ist eine regelmäßige Gestaltungsaufgabe an der Schnittstelle von Familie, Unternehmen und Vermögen. Aus diesem Blickwinkel verliert die Vermögensnachfolgeplanung ihren Schrecken. Warum also verschieben oder verdrängen? Nach meiner Erfahrung ist der richtige Zeitpunkt klar zu identifizieren: Beginnend mit der Familienplanung alle zwei Jahre.

3. Den Ehepartner absichern

Die meisten Vermögensinhaber haben den Wunsch, den Ehepartner abzusichern und auch die Ehepartner, die am Familien- und Vermögensaufbau beteiligt sind, möchten eine Sicherheit erhalten. Hier ist empfehlenswert, zunächst zu prüfen, welche Verträge es bereits überhaupt gibt. Greifen die Regelungen eines Ehevertrags hier? Was regelt ein Testament?

In der Praxis besteht durch das sog. Berliner Testament häufig eine Bindungswirkung. Existieren Versicherungsverträge?

Auf dieser Basis kann dann einmal gedanklich durchgespielt werden, was bei plötzlicher schwerwiegender Krankheit oder Tod des Ehepartners passiert. Ich empfehle, die oben genannten Verträge und Absicherungen „über Kreuz“ zu gestalten (siehe STIFTERBRIEF).

4. Kinder absichern

Ebenso wie den Ehepartner, gibt es den Wunsch die Kinder abzusichern. Hier gibt es oft den Irrglauben, dass ohne individuelle Regelungen die Großeltern, Paten oder andere nahe Verwandte als Vormund automatisch eingesetzt werden.

Zunächst müssen die individuellen Fakten wie Anzahl und Alter der Kinder, Ausbildungsstand, besondere Situationen oder Beeinträchtigungen, analysiert werden. Auf dieser Basis kann dann durchdacht werden, was mit den Kindern passieren soll, wenn die Eltern beide versterben, z.B. bei einem Verkehrsunfall. Wer soll die Vormundschaft übernehmen? Sollen und können die Geschwister zusammenbleiben? Wie wird das finanziert und wer wird die Kinder aufnehmen? Gibt es einen im idealen Fall vertrauten Ansprechpartner? Es ist auch zu durchdenken, ob eine zweite Person für die Verwaltung von Vermögenswerten eingesetzt werden soll.

5. Die Existenz des Unternehmens sichern

Das Unternehmen ist neben der Familie für einen Unternehmer der zentrale Bereich, der bei einer Vermögensnachfolgeplanung beachtet werden muss. Was passiert, wenn der Unternehmer handlungsunfähig wird oder plötzlich verstirbt? Niemand ist unersetzbar, aber eben auch nicht genauso zu ersetzen, denn es wird denselben Unternehmer kein zweites Mal geben. Hier ist zu diskutieren, ob Bereiche aufgeteilt werden, Strukturen geschaffen werden, die für diesen Notfall tragfähig sind. Vielleicht gibt es auch einen Vertrauten, dem die Verantwortung übertragen werden kann und der dem Unternehmen durch seine eigene Persönlichkeit eine neue oder weiterentwickelte Prägung gibt.

6. Organisation

Es ist zentral, dass die vorhandenen Informationen verfügbar gemacht werden. Im Fall des Falles muss klar und transparent sein, wer Ansprechpartner für die unterschiedlichen Themen ist und wer Vertrauensperson. Wichtig ist, dass Passwörter und Dokumente auffindbar sind und somit die sofortige Handlungsfähigkeit garantiert ist.

7. Klare Regelungen schaffen

Konflikte entstehen aus enttäuschten Erwartungen. Deshalb empfehle ich erstens, klare Regelungen zu schaffen und diese – soweit möglich – an alle Beteiligten transparent zu kommunizieren. Zweitens die geschaffenen Strukturen regelmäßig zu prüfen und anzupassen und drittens Vermögensnachfolgeplanung nicht als einmaligen Akt zu sehen, sondern als Risikomanagement zu betrachten.

Für unternehmerisches Vermögen oder Immobilienbestände, für Vermögenswerte, die als einheitliche Substanz zusammengehalten und geschützt werden sollten, bietet sich z.B. eine Stiftung als Ordnungsrahmen an.

Über den Autor:

Rechtsanwalt und Steuerberater Thorsten Klinkner ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Rechtsanwalts- und Steuerberatungsgesellschaft UnternehmerKompositionen GmbH aus Meerbusch bei Düsseldorf. Sie ist etablierte Spezialdienstleisterin für die rechtlich, steuerlich und strategisch tragfähige Errichtung von Familienstiftungen als Instrument einer zukunftsorientierten Eigentümerstruktur. Thorsten Klinkner ist zudem Vorstand mehrerer Stiftungen und veröffentlicht regelmäßig Bücher und Artikel rund um das Stiftungsrecht und dessen praktische Anwendung im In- und Ausland.

Lesen Sie auch: Sieben Handlungsempfehlungen zur Gestaltung der Erbschaftsteuer – UnternehmerKompositionen


THORSTEN KLINKNER

Rechtsanwalt & Steuerberater


KI und menschliche Expertise

Zwei Meinungen zur Zukunft der unabhängigen Vermögensverwaltung

Marc André Buczek & Felix Scheppe im Interview mit Cinerius

30. August 2023

Künstliche Intelligenz (KI) wird innerhalb der Vermögensverwaltung bereits seit einigen Jahren verwendet. Doch erst mit der flutartigen medialen wie tatsächlichen Verbreitung von ChatGPT bekam das Thema Aufwind. Wie ist der Status quo in der Praxis und wohin geht die Reise?

Marc André Buczek, Vermögensverwalter und kaufmännischer Leiter von Ringelstein & Partner Vermögensbetreuung GmbH, und Felix Scheppe, Portfoliomanager von B&K Vermögen GmbH, geben uns ihre Einschätzung.

Cinerius: Welche Begegnungen mit künstlicher Intelligenz hatten Sie bisher als Vermögensverwalter?

Buczek: Ich nutze künstliche Intelligenz, um Excel-Makros zu programmieren und so Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten, und hole mir von der KI Brainstorming-Ideen für Artikel. Künstliche Intelligenz liefert uns außerdem ein Grundgerüst für neue Kundenbriefe, etwa bei Geburtstagen oder Umzügen, und Beschreibungstexte zu Terminarten auf einer neuen Terminbuchungsseite. Im Vordergrund steht währenddessen stets der Datenschutz.

Scheppe: Einer unserer externen Anbieter wendet KI zur Datenanalyse an. ALGO-Fonds bilden mithilfe von Algorithmen und statistischen Modellen ein automatisiertes Handelssystem. Im Rahmen der sogenannten Sentimentanalyse durchleuchtet künstliche Intelligenz Stimmungsindikatoren und Nachrichtenströme. Sie ermöglicht auf diese Weise Rückschlüsse hinsichtlich der Marktentwicklung.

Was schränkte die Nutzbarkeit von KI in der Vergangenheit ein?

Scheppe: Ich halte die inzwischen verbesserte Qualität der herangezogenen Daten für einen wesentlichen Erfolgsfaktor. Daten von geringer Qualität sorgen für fehlerhafte Modelle, die zu falschen Annahmen und Prognosen führen.

Buczek: Für mich liegt der größte Vorteil der neuesten KI-Generation in der Einfachheit der Benutzung. Früher kommunizierte man mit der KI mittels Programmcode. Heute unterhalten wir uns viel natürlicher, via Natural Language Processing (NLP). Mit dieser Entwicklung verändern sich die Erwartungen der Kunden stark. Untersuchungen des US-amerikanischen Marktes zufolge werden 2030 bis zu 80 Prozent der neuen Kunden im Bereich Vermögensverwaltung eine Beratung nach dem Netflix-Modell wünschen: datengesteuert, hyperpersonalisiert, kontinuierlich und möglicherweise im Abonnement. Die Prognose lässt sich möglicherweise nicht exakt auf Deutschland übertragen, aber wir sollten auch hierzulande mit ähnlichen Entwicklungen rechnen.

ChatGPT gehört zur sogenannten generativen KI. Dieser Begriff schließt KI ein, mit deren Hilfe Texte, Audiodateien, Bilder, Videos oder Codes entstehen, aber auch maschinelles Lernen und Deep Learning. Diese Vielfalt eröffnet ein großes Spektrum an Einsatzmöglichkeiten in der Vermögensverwaltung. Effizienzsteigerung drängt sich als kurzfristige Zielsetzung auf: Welche internen Abläufe lassen sich sinnvoll automatisieren?

Buczek: Etliche Arten der manuellen Datenverarbeitung, darunter Datenabrufe aus Internetquellen sowie die Erstellung von PDF-Dateien oder Texten – deren Automatisierung ist mit dem aktuellen Entwicklungsstand der naheliegendste Schritt. Experten des McKinsey Global Institute (MGI) rechnen damit, dass Technologien rund um die generative KI weltweit einen jährlichen Produktivitätszuwachs von 2,6 bis 4,4 Billionen US-Dollar ermöglichen. Darin steckt also, auch auf unsere Branche entsprechend übertragen, enormes Potenzial.

Scheppe: Der Prozess des Kunden-Onboardings lässt sich von der KI genauso optimieren wie die Erstellung von Performanceberichten – Quartals-, Halbjahresberichte etc. – oder die Compliance-Überprüfung. Beim Risikomanagement kann man Warnsignale zu potenziellen Risiken oder Abweichungen automatisch identifizieren.

Wie sieht es im Hinblick auf das Asset Management an sich aus, also etwa die Auswahl von Anlageformen oder den Zeitpunkt von Investitionen?

Buczek: KI vereinfacht die Vorverarbeitung von Datensätzen und beschleunigt damit den Investmentprozess. Sie hilft zum Beispiel Einstiegssignale im Rahmen der Chartanalyse besser zu interpretieren. Wichtig ist dabei immer die Qualität der Daten – denn wie sagt man so schön „Shit in, Shit out!“

Scheppe: Fortgeschrittene Robo-Advisor-Plattformen bieten automatisierte Anlageberatungsdienste an. Das von ihnen hierzulande verwaltete Vermögen wächst übrigens deutlich: von 1,8 Milliarden Euro in 2018 auf knapp 15,3 Milliarden Euro in 2021 allein in Deutschland. Zudem entwickeln Algorithmen individuelle Anlagestrategien auf Basis der finanziellen Ziele und Präferenzen. Sie überwachen die Entwicklungen und nehmen eigenständig Anpassungen und Rebalancing-Maßnahmen vor.

Sehen Sie die Verwendung von KI als entscheidenden Wettbewerbsvorteil an?

Buczek: Blicken wir auf das Asset Management, so bietet diese womöglich kurzfristig Wettbewerbsvorteile, indem einige wenige Gesellschaften Informationen schneller analysieren und daraus Vorteile generieren. Mittel- bis langfristig dürfte sich dieser Vorteil egalisieren, weil zu viele auf gleiche Lösungen setzen. Außerhalb des Asset Managements, denke ich, wird sie ein notwendiger Baustein sein, ohne den die erfolgreiche Positionierung im Wettbewerb schwierig wird, schon aufgrund eines steigenden Effizienz- und Margendrucks.

Scheppe: Ein hybrides Modell aus künstlicher Intelligenz und Menschen verschafft den Vermögensverwaltern mehr Zeit für strategische Planung und Kundenbetreuung. Das ist essenziell, denn 71 Prozent der Kunden wünschen sich in dieser bewegten Zeit einen regelmäßigen Kontakt mit ihrem Berater. Gute Qualität der Daten vorausgesetzt, verbessert sich die Datenanalyse. KI eröffnet ebenso den Zugang zu alternativen Datenquellen, die traditionell nicht in die Anlageentscheidungen einbezogen wurden: Daten aus sozialen Medien und dem Internet-of-Things (IoT) sowie Satellitenaufnahmen. Die Auswertung gewährt zusätzliche Einblicke. Diese Elemente bringen potenzielle Wettbewerbsvorteile.

Der Einsatz von KI bedeutet eine Veränderung der bisherigen internen Prozesse. Werden jene Unternehmen die Nase vorne haben, die das Changemanagement beherrschen?

Buczek: Ohne Neugierde und Veränderungsbereitschaft findet Weiterentwicklung nicht statt. Wir brauchen folglich nicht nur innovative Technologien und angepasste Prozesse, sondern darüber hinaus eine entsprechende Einstellung.

Gehen Vermögensverwalter in Zukunft Partnerschaften mit neuartigen Playern ein? Oder stellen sie selbst vermehrt Datenanalysten und IT-Spezialisten ein?

Buczek: Für einzelne, eher kleinere Vermögensverwalter, wird die Beschäftigung eigener IT-Spezialisten nicht kosteneffizient sein. Vorstellbar wäre eine Konsolidierung der Ressourcen und die Realisierung von Synergien innerhalb einer Gruppe. Kooperationen sehe ich im Bereich der Finanz- und CRM-Software.

Wie lässt sich beim Einsatz künstlicher Intelligenz, die auf Daten Dritter beruht, die Unabhängigkeit und Individualität der Vermögensverwalter bewahren?

Scheppe: Das funktioniert, indem ein Vermögensverwalter seine Datenquellen gezielt auswählt. Neben den Daten Dritter greift er auf eigene proprietäre Daten und interne Ergebnisse zu, um somit ein hohes Maß an Individualität zu gewährleisten. KI dient ausschließlich als Werkzeug. Die menschliche Interpretation der Ergebnisse und die Anpassung an Kundenbedürfnisse und -präferenzen bleiben entscheidend. Ein Vermögensverwalter muss ferner die Entscheidungsprozesse der KI-Modelle verstehen und erklären können, um selbst Vertrauen zu gewinnen und dieses zu vermitteln.

Was ist Ihre persönliche Vision von der Zukunft der KI in der unabhängigen Vermögensverwaltung?

Buczek: Für Kunden sind Geldangelegenheiten immer eine Vertrauensfrage und Vertrauen entsteht zwischen Menschen. KI kreiert Freiräume für eine direkte und ganzheitliche Beratung, damit der Geschäftsbereich der Vermögensverwaltung ein persönliches Geschäft bleibt, das sich von Robo-Advisors und passiv gemanagten Fonds deutlich abhebt.

Scheppe: Kunden greifen über eine intuitive digitale Plattform auf ihre Portfolios zu und verfolgen dort ihre Investments. Vermögensverwalter treten mit den Kunden in Kontakt und sorgen für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse, indem sie beraten und Anlagestrategien anpassen. Ein hybrides Modell setzt sich durch, da künstliche Intelligenz weder Integrität noch interfamiliäre Themen begreift. Sie liest des Weiteren nicht zwischen den Zeilen.


MARC ANDRÉ BUCZEK

Vermögensverwalter

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Home-Bias an der Börse?

Bester Jahresstart des deutschen Aktienindex seit vielen Jahren

von Marc André Buczek

25. Februar 2023

Diese oder eine ähnlich lautende Schlagzeile hat vermutlich fast jeder in den letzten Tagen wahrgenommen. Doch wie steht es wirklich langfristig um deutsche Aktien?

Langfristig gelingt es nur wenigen deutschen Aktien, einen hohen Wert für ihre Anleger zu schaffen. So zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie, dass seit 2003 gerade einmal zwölf der über 1000 gelisteten Titel für die Hälfte des geschaffenen Wertes verantwortlich sind.

Dabei sind deutsche Anleger übermäßig stark vom sogenannten Home-Bias betroffen, investieren also überwiegend in ihr eigenes Land. So flossen zwischen 2016 und 2021 48% aller Aktieninvestments deutscher Investoren auch in deutsche Unternehmen. Als ein möglicher Grund des Home-Bias wird die wahrgenommene Kontrolle über das Investment beschrieben. Sinngemäß: „Ich laufe regelmäßig am Siemens-Betriebstor vorbei, das Unternehmen scheint noch zu existieren, ich habe Kontrolle.“

Renommierte Studien zeigen jedoch, dass sich ein starker Home-Bias negativ auf die Performance UND das Risiko des Investments auswirken. Auch deswegen investieren wir bei der Ringelstein & Partner Vermögensbetreuung überwiegend global diversifiziert in politisch stabile Länder. Dabei ist Deutschland natürlich ein mögliches Investitionsziel, doch investieren wir bewusst selektiv und vermeiden einen größeren Home-Bias. Denn: „Diversification is the only free lunch.“ (Harry Markowitz)


MARC ANDRÉ BUCZEK

Vermögensverwalter

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Zinsen folgen oder investieren?

Die Zinsschlacht hat begonnen, muss ich überhaupt noch investieren?

von Marc André Buczek

15. Februar 2023

Mit den zuletzt deutlichen Zinsschritten der europäischen Zentralbank kehrt auch eine fast schon in Vergessenheit geratene Ertragsform zurück: Zinsen auf Bankguthaben. Spätestens mit den medienwirksamen Zinsverkündigungen der Neobroker Scalable & TradeRepublic wächst auch der Druck auf traditionelle Banken. Bei Guthabenzinsen auf liquide Investments um die 2 % p.a., nehme ich im Kunden,- Freundes- und Bekanntenkreis häufiger Erleichterung wahr. Die unbequeme Suche nach einer alternativen Anlageform scheint beendet. Liquide Konten sind wieder mehr als ein reiner Sparschweinersatz.

Doch ist diese Vorgehensweise sinnvoll?

Schauen wir rein auf den nominalen Zins von 2%, so ist dieser im Verhältnis zu den letzten Jahren durchaus attraktiv. Ausschlaggebender für ein Investment sollte jedoch der Realzins sein, also der Zins abzüglich der Inflationsrate. Bei einer Inflation von zuletzt 8,7% (YoY), beträgt der reale Zins damit faktisch -5,7 % p.a.. Damit ist der Realzins bedeutend niedriger als noch vor einigen Jahren, als wir im Nullzins feststeckten, die gemessene Inflationsrate jedoch deutlich unter 2% verharrte. Insbesondere für langfristige Investments ist folglich die Suche nach einer realen Rendite wichtiger als zuvor.

Aber heute investieren, ist das nicht der falsche Zeitpunkt?

Mit den heutigen Rahmenbedingungen Krieg in Europa, Energiekrise, Inflation, Kursen nahe den Höchstständen und vielen mehr, mag der Einstieg in die Kapitalmärkte schwerfallen. Historisch gesehen, ist gestern der beste Einstiegszeitpunkt gewesen. Studien zeigen, dass bei regelmäßigen jährlichen Investments, selbst mit dem Schlechts möglichen Timing, langfristig eine höhere Rendite erzielt wurde, als wenn nicht investiert wird. Wie ein altes Börsianer Sprichwort so schön sagt: „it’s not about timing the market, but about time in the market“. Auch ein Grund, warum wir bei der Ringelstein & Partner Vermögensbetreuung Langfristinvestoren sind und versuchen in unruhigen Zeiten ruhige Hand zu bewahren und nicht in kurzfristigen Aktionismus zu verfallen.

Zudem ergeben sich durch den Zinsanstieg am Kapitalmarkt ebenfalls neue Möglichkeiten. Selbst kurzlaufende Staats- und Unternehmensanleihen mit guter Bonität bieten wieder attraktive Renditen oberhalb des Einlagenzinssatzes.

Lange Rede kurzer Sinn, für Gelder die als Notfallreserve gedacht sind oder die in den nächsten 12-24 Monate benötigt werden, ist der Zinsanstieg ein warmer Nieselregen. Für eine langfristige Kapitalanlage erachte ich jedoch ein breites Investment am Kapitalmarkt für sinnvoller.


MARC ANDRÉ BUCZEK

Vermögensverwalter

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Thesaurierend oder Ausschüttend?

Welcher Anlagestil passt zu mir?

von Dörthe Mehlhorn

6. Februar 2023

Lieber den „Spatz in der Hand“ oder die „Taube auf dem Dach“? Bei der Festlegung der Anlagestrategie stehen Anleger oft der Frage gegenüber, ob thesaurierende, also gewinneinbehaltende, oder ausschüttende Investments bevorzugt werden. Beide Formen haben ihre Vor- und Nachteile.

Das passive Einkommen

Ausschüttungen aus Kapitalanlagen werden häufig als passives Einkommen bezeichnet. Je nach Auswahl der Wertpapiere im Depot, ob Aktien, Anleihen, Fonds oder ETFs, können Ausschüttungstermine nahezu für jeden Monat des Jahres zusammengestellt werden, so dass das eigene Haupteinkommen (ob Arbeitsentlohnung oder Rente) aufgebessert werden kann. Ob für die Deckung der Lebenshaltungskosten oder das Ansparen für die Urlaubskasse.

Reinvestition bei Marktopportunitäten

Während thesaurierende Investments ihre Gewinne sofort reinvestieren, was sich i.d.R. in einem höheren Kurs- bzw. Anteilswert niederschlägt, überlässt die ausschüttende Variante dem Anleger die Entscheidung, wann und wie er mit den Gewinnen verfahren will. Dies kann die Chance bieten, mit der Reinvestition zu warten, bis ein gesunkener Kurs einen günstigeren Wiedereinstieg ermöglicht, oder aber die Ausschüttung für eine andere Anlage zu verwenden, die das Portfolio (weiter) diversifiziert. Dies erfordert allerdings Disziplin und die regelmäßige Beschäftigung mit dem eigenen Depot und den Marktgegebenheiten.

Patt bei Transaktionskosten

Oft wird argumentiert, dass Ausschüttungen gebührenfrei auf dem Konto eingehen, bei Liquiditätsbedarf bei einem thesaurierenden Investment dagegen Anteile gebührenpflichtig verkauft werden müssen. Dieser Vorteil kehrt sich jedoch beim Thema Wiederanlage um.

Auch der oft angeführte Nachteil der sofortigen Besteuerung von Ausschüttungen (nach ausgeschöpftem Sparer-Pauschbetrag von derzeit 1000 Euro bei Einzelpersonen bzw. 2000 Euro bei Ehepaaren) muss relativiert werden, nachdem die Bundesbank den für die Berechnung der Vorabpauschale relevanten Basiszins nach zwei negativen Jahren nun auf 2,55% für 2023 angehoben hat. Mit der Vorabpauschale wird bei thesaurierenden Fonds ein fiktiver Wertzuwachs vorab besteuert. Ist der Wertzuwachs größer als der Basiszins, bleibt ihnen ein kleiner Steuerstundungseffekt erhalten. Im Ergebnis kommt jedoch keine der beiden Ertragsverwendungsformen um eine Besteuerung herum.

Amortisation

Für manchen Anleger ist die Frage interessant, wann sich sein Investment amortisiert hat, wann also die Summe der Gewinnausschüttungen über die Jahre die ursprünglichen Anschaffungskosten beglichen bzw. überschritten hat. Denn ab dann ist es – zumindest gefühlt – leichter, die Kursschwankungen des Investments auszuhalten und das (im Fall der Aktie) verbundene unternehmerische Risiko zu tragen. Natürlich ist diese Sicht stark vereinfacht und die Rechnung müsste auch um Faktoren wie Inflation, Kaufkraft und entgangene Steuerstundungseffekte erweitert werden. Doch der psychologische Faktor des „Spatz in der Hand vs. Taube auf dem Dach“ ist nicht zu unterschätzen.

Fazit

Werden die Gewinne aus einem Investment bewusst zur Deckung der Lebenshaltungskosten oder zur Aufbesserung der Haushalts- bzw. Urlaubskasse benötigt, ist das ausschüttende Investment sicher keine schlechte Wahl. Wird das Kapital erst in der Zukunft, z.B. für die Altersvorsorge, benötigt oder hat man nicht die Zeit (oder Lust) sich ständig mit der Frage der Neu-Anlage zu beschäftigen, kann thesaurierend von Vorteil sein. Viele Anleger werden sicherlich eine Mischung beider Varianten in ihren Depots vornehmen. Beiden Anlageformen ist jedoch gemein, dass sie den Anleger nicht von der Verantwortung entbinden, das eigene Portfolio regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen, ob es – auch in dieser Frage – noch zur eigenen Lebenssituation passt.


DÖRTHE MEHLHORN

Vermögensverwalterin

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Bonsaibäume und Investments

Was Bonsaibäume und Investments verbindet

von Marc André Buczek

30. Januar 2023

Wir beobachten häufiger Investoren, die große Verlustpositionen im Depot über lange Zeiträume irrationalerweise halten und auf der anderen Seite Gewinneraktien regelmäßig beschneiden. Doch warum ist das so?

Die Gründe hierfür können durchaus vielfältig sein. Einen möglichen Erklärungsansatz bietet die Prospect-Theorie. Sie ist ein wichtiges Konzept der Behavioral Finance, das uns helfen kann, das Verhalten von Anlegern besser zu verstehen.

Die Abnahme der Sensitivität auf Gewinne und Verluste beeinflussen unser Handeln, wenn wir über Investitionen nachdenken. Wir sind eher geneigt, Gewinne schneller abzuschöpfen, als es rational sinnvoll wäre, da wir ihnen nicht mehr so viel Bedeutung zuschreiben. Gleiches gilt für Verluste, die wir zwar zuerst schmerzhaft wahrnehmen, aber je weiter der Kurs fällt, desto weniger schmerzen sie uns. Wir sind dann jedoch nicht geneigt, zu verkaufen, da wir glauben, dass weitere Verluste nicht mehr so schlimm sind. Bei einer leichten Erholung hingegen wird ein überproportionaler Anstieg wahrgenommen, was uns eher dazu verleitet, investiert zu bleiben. Dieser Einfluss der abnehmenden Sensitivität auf Gewinne und Verluste beeinträchtigt maßgeblich unser Handeln und beeinflusst damit unter Umständen negativ unsere Investitionsentscheidungen.

Wie würde sich ein rationaler Anleger verhalten?

Rationale Anleger würden den wahrgenommenen Gewinn in exakt der Höhe des tatsächlichen Gewinns verzeichnen. Es würde sich folglich bei der Value-Function um eine Winkelhalbierende handeln (grüne gestrichelte Linie in der Grafik).

Wie sollte man idealerweise damit umgehen?

Sofern sich die Rahmenbedingungen des Investments nicht wesentlich geändert haben, gilt durchaus die alte Börsenweisheit – Gewinne laufen lassen, Verluste begrenzen. Eine durchdachte Börsenstrategie sollte den Einfluss der Psychologie kennen und diese bei Investitionsentscheidungen berücksichtigen. Denn insbesondere größere Kursrücksetzer benötigen zum Ausgleich überproportionale Kursanstiege, um diese wieder zu kompensieren. Fällt eine Aktie um 20%, so muss diese um 25% steigen, um wieder auf das Ausgangsniveau zurückzukehren. Das Verhältnis steigt zunehmend (vgl. Tabelle). So ist bei einem Kursrücksetzer von 50 % bereits eine Rallye von 100% notwendig, um zum Ausgangskurs zu gelangen

Auch deswegen betreiben wir bei der Ringelstein & Partner Vermögensbetreuung ein konsequentes Risikomanagement und disziplinieren uns gleichzeitig dazu, gut laufende Aktien nicht gleich wieder zu beschneiden. Unser Ziel ist es, unsere Investitionen zu einem großen und gesunden Wald zu entwickeln, anstatt einen Bonsaigarten zu züchten.


MARC ANDRÉ BUCZEK

Vermögensverwalter

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Frauen und Finanzen

Frauen investieren anders als Männer – und das ist gut so

von Dörthe Mehlhorn

14. Dezember 2022

18 Prozent – so hoch war die Differenz zwischen dem durchschnittlichen Bruttostundenlohn von Frauen und dem von Männern in Deutschland im Jahr 2021, der sogenannte unbereinigte Gender Pay Gap. Betrachtet man andere Kennzahlen, ändert sich zwar die Zahl, nicht aber die Aussage: 43,5 Prozent der weiblichen und nur 20,2 Prozent der männlichen Bevölkerung in Deutschland verfügte 2021 über ein monatliches Nettoeinkommen von unter 1.000 Euro. Frauen in deutschen Paarhaushalten besaßen 2017 ein durchschnittlich rund 32 Prozent niedrigeres Vermögen als Männer. Und auch der Gender Pension Gap, der Unterschied zwischen den Altersrenten von Frauen und Männern, fällt mit 49 Prozent im Jahr 2019 deutlich zu Ungunsten der weiblichen Bevölkerung aus.

Sind Frauen aufgrund ihrer eingeschränkteren Finanzen also eine unattraktivere Kundengruppe für Vermögensverwalter als Männer? Auf den ersten Blick könnte man diese Schlussfolgerung ziehen. Doch ein unabhängiger Vermögensverwalter, der seine Profession als Mission für seine Kunden versteht und nicht Momentaufnahmen, sondern langfristige Wertzuwächse im Blick hat, muss zu einem anderen Ergebnis kommen.

Denn diese Zahlen verändern sich bereits seit Jahren. Die Geschlechterungleichheit nimmt weiter ab. Frauen priorisieren immer öfter ihre Karriere, sind schon heute im Schnitt besser ausgebildet als Männer, arbeiten seltener als zuvor in Teilzeit und müssen durch sinkende Geburtenraten weniger Ausfallzeiten in Kauf nehmen. Und: Frauen leben länger. Was einerseits auch dazu führt, dass junge Frauen früher mit ihren Finanzen auseinandersetzen und mit ihrer Kapitalanlage für die Altersvorsorge beginnen müssen, um die Rentenlücke zu schließen. Und andererseits, dass sie tendenziell häufiger als Männer durch den Tod des Partners plötzlich sowohl vermögend als auch alleine für das Vermögen verantwortlich sind. Sie noch immer als die unattraktivere Zielgruppe der Vermögensverwaltung zu betrachten, verkennt, was Kundinnen tatsächlich darstellen: ein enormes Wachstumspotenzial.

Andere Lebensrealitäten führen zu anderen Bedürfnissen

Dabei sind die erwähnten Statistiken keineswegs irrelevant. Sie machen deutlich, dass die Lebensrealitäten der Geschlechter in Deutschland, aber auch in allen anderen europäischen Ländern, nicht identisch sind. Dazu kommt, dass viele Frauen weniger Berührungspunkte mit Finanzen im Allgemeinen und oftmals eine geringere Finanzbildung aufweisen als Männer, da die Verwaltung der Haushaltsfinanzen traditionell in der Verantwortung ihrer Partner lag und noch immer überwiegend liegt. Das alles sind Faktoren, die Vermögensverwalter im Blick haben müssen, wenn sie Frauen mit ihren Leistungen erreichen wollen. Denn: Unterschiedliche Lebensrealitäten bedingen unterschiedliche Bedürfnisse und Prioritäten in der Kapitalanlage.

Bei all den Fortschritten, die wir gesamtgesellschaftlich in Richtung der Gleichstellung der Geschlechter machen, darf in der Vermögensberatung also nicht außer Acht geraten, dass durchaus Unterschiede existieren. Wer weniger Einkommen zur Verfügung hat – ob im Arbeitsleben oder danach –, muss anders damit umgehen. Einerseits sorgt dieser Umstand dafür, dass Frauen häufig eine höhere Risikoaversion in Bezug auf ihre Finanzen zeigen, wodurch ihnen wichtige Rendite entgeht. Andererseits müssten sie sich gerade deshalb früher und intensiver mit ihrer Vermögenssituation auseinandersetzen, als es bislang der Fall ist.

Für die Vermögensverwaltung besteht die Herausforderung darin, diesen Unterschieden in den Lebensrealitäten und Anlagepräferenzen Rechnung zu tragen und sie nicht zu negieren, indem versucht wird, weibliche Kundinnen nach dem gleichen Modell zu behandeln, das sich für männliche Kunden als erfolgreich erwiesen hat. „One fits all“ ist ein Ansatz, der in der unabhängigen Vermögensverwaltung unserer Auffassung nach ohnehin keinen Platz hat.

Es reicht nicht, Fachkompetenz zu haben

Um diese Herausforderung zu meistern, sind Sensibilität und Einfühlungsvermögen gefragt. Eine Kundin, die sich bislang nicht oder nur kaum mit der Anlage ihres Vermögens beschäftigt hat und beispielsweise plötzlich in die Situation von Verwitwung und Erbe geraten ist, ist zunächst womöglich – auch emotional – überfordert und traut es sich nicht zu, die notwendigen Entscheidungen zu treffen. Das ist vollkommen nachvollziehbar. Ein Berater sollte allerdings nicht den Impuls haben, ihr diese Entscheidungen abnehmen oder durch Fachbegriffe und komplexe Ausführungen seine Kompetenz unter Beweis stellen zu wollen.

Feingefühl, Sich-zurücknehmen-Können und Verständnis sind der Schlüssel zu langfristigen, vertrauensvollen Beziehungen: auf Seiten des Beraters das Verständnis für die speziellen Bedürfnisse und Unsicherheiten der Kundin. Auf Seiten der Kundin dagegen das Verständnis für die Investmentstrategien, Vorschläge und Denkansätze des Beraters, also dafür, was mit ihrem Geld passiert. Die Aufgabe des Beraters ist es, dieses Verständnis zu ermöglichen und seine Kundin von Grund auf zu ermächtigen, selbst nachvollziehen und entscheiden zu können, wie ihr Vermögen angelegt wird. Was wiederum eine andere Art der Kommunikation erfordert, als der Berater eventuell aus dem Umgang mit männlichen Kunden gewohnt ist, die im Schnitt mit weniger Berührungsängsten, vermeintlich mehr Vorwissen und mehr finanziellen Selbstvertrauen in die Beratung gehen.

Der Kundin ein echter Partner sein

Ist die Grundlage des gegenseitigen Verstehens geschaffen, steht einer erfolgreichen Kundinnenbeziehung nichts mehr im Weg. Dann gilt es, die Vermögenssituation zu analysieren und die Anlageziele festzulegen. Dass diese Schritte zwischen Kundin und Berater gemeinsam erarbeitet und Entscheidungen in aller Ruhe getroffen werden müssen, versteht sich von selbst. Ebenfalls, dass Unsicherheiten unnötig sind. Frauen investieren eben anders als Männer, weil sie es aus anderen Lebensrealitäten heraus tun. Sie haben tendenziell ein höheres Beratungsbedürfnis und wünschen sich mehr Orientierungshilfe. Dabei benötigen sie jedoch nicht zwangsläufig andere Anlageprodukte als Männer. Ob der Berater ein Mann oder eine Frau ist, ist übrigens ebenfalls zweitrangig. Entscheidend sind Empathie und Verständnis, zu der auch gute männliche Vermögensverwalter fähig sind. Alles, was er oder sie tun muss, ist, sich als vertrauenswürdiger Partner zu erweisen und einer Kundin zu zeigen, dass Kapitalanlage nichts ist, wovor man Angst haben müsste.


DÖRTHE MEHLHORN

Vermögensverwalterin

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